Frühdeutsche Siedlungen am westlichen Rand der Teltowhochfläche

Beachtenswert ist, dass die Besiedlung des Teltow und die Gründung Berlins mit einem deutlichen Klimawandel einherging! Siehe auch „Anhang“! Wie in Abb. 1 dargestellt, gab es um 1180 – nach der 300-jährigen Trockenperiode – einen extremen Anstieg der Niederschlagsmengen [1], der die Siedler vor große Probleme gestellt haben dürfte. Der Temperaturanstieg um 2,5 Grad erfolgte bereits zwischen 1140 und 1210.

Klimagang-N

Abb. 1: Klimakurven (schwarz), abgeleitet aus dendrochronologischen Daten und Berichten der damaligen Zeit (s. Anm. 1). Die Besiedlungszeit beginnt um 1200 (gestrichelt markiert). Um 1280 begann ein starker Rückgang der Feuchtigkeit.

Die Trockenperiode und deren Ende

Seit Jahrzehnten hat Klaus-Dieter Jäger auf die etwa 300 Jahre dauernde und um 1200 endende Trockenperiode hingewiesen [2]. Während der Trockenperiode waren die Niederschlagsmengen deutlich niedriger. Die Seespiegel in Mecklenburg sanken um bis zu 2 m [3]. Auch die Grundwasserstände sanken um bis zu 2 m. Wie Berichte [4] aus den Jahren 1130 und 1170 zeigen, herrschte noch kurz vor 1200 ein recht trockenes Klima. Damals war der Rhein so stark ausgetrocknet, dass man ihn leicht zu Fuß überqueren konnte. Vergleichbares wird von der Donau berichtet. Daher lassen sich für den Bereich der Spree ähnliche Verhältnisse vermuten. Der Knüppeldamm in der Spree ist ein Hinweis. Auch das hoch liegende Gelände des Teltow dürfte demzufolge recht trocken gewesen sein. Nur am westlichen Rand hatten sich einige tiefer liegende Feuchtgebiete erhalten (s. Abb.2).

Das Ende der Trockenperiode kam um 1200. Joachim Herrmann hat einen generellen Anstieg der Grundwasserstände [5] um bis zu 2 m nachgewiesen. Siedlungen mussten aufgegeben oder in höher liegende Gebiete verlegt werden.

Der Wasseranstieg hatte mehrere, sich überlagernde Ursachen:
1. Genereller Klimawandel. Ab 1180 traten erhöhten Niederschlagsmengen auf, die sich nach etwa 1210 als steigende Grundwasserpegel bemerkbar machten (archäologische Beobachtungen s. Anhang).
2. Rodung des Waldes. Das regionale Mikroklima änderte sich.
3. Mühlenstaus setzten in verstärkten Maße im 13. Jahrhundert ein (s. Anm. 22), als die Siedlungen „ortsfest“ geworden waren [6].
Mühlenstaus waren ein massiver Eingriff in die Natur. Man gewann zwar durch die Anhebung des Oberwasserpegels eine Verbesserung des Tiefgangs für die Schifffahrt, verlor aber wegen der Überflutung wertvolle tiefliegende Siedlungs- und Ackerflächen, die während der Trockenperiode besiedelt worden waren. Die durchgehende Schifffahrt wurde unterbrochen. Man erhielt so allerdings die Möglichkeit, die Stadtgräben zu fluten.

Auch der Spreestau am Mühlendamm (um 1,7 m) veränderte die Landschaft im Oberwasserbereich. Noch heute hat dort das Grundwasser bis Köpenick eine Höhe von 32 mNN.
Der Mühlenstau in der Stadt Brandenburg [7] führte im gesamten, mit zahllosen Seen ausgestatteten Havelgebiet zwischen Brandenburg und Spandau zu einer einheitlichen Pegelanhebung von 1,2 m und damit zu einer weitflächigen Überflutung. Zu beachten ist, dass die Hochfläche des Teltow weitgehend von der Havel und damit vom Havelstau abgekoppelt ist.

Die Effekte des Wasseranstiegs wurden vorwiegend durch den Klimawandel ausgelöst (archäologische Beobachtungen s. Anhang) und sind mit den Auswirkungen der Mühlenstaus vermischt. Letztere waren also nicht generell für das Phänomen des Wasseranstiegs verantwortlich.

Präsentation1

Abb. 2: Niemandsland (ovale Strichelung) zwischen Spandau und Köpenick (Bildausschnitt, s. Anm. 21). Der Teltow liegt im südlichen Bereich. An dessen westlichem Rand befanden sich die Siedlungen (gepunktet) an der Grunewaldrinne.

Entwicklung der Besiedlung

Nach der Völkerwanderungszeit waren die Hochfläche des Teltow, das Urstromtal und die Hochfläche des Barnim weitgehend entvölkert. Dieses große Gebiet war [8], wie es Joachim Herrmann nannte, zum Niemandsland in Abb. 2 geworden, das von den nach 700 zugewanderten Slawen gemieden wurde.
Erst nach 1170 begann man das Niemandsland zu besiedeln [9]. Dazu wurden zunächst nur die niedrig liegenden Feuchtgebiete am westlichen Rand des Teltow genutzt, denn die höher liegenden Gebiete des Teltow standen noch unter dem Einfluss der Trockenperiode.
Seit dem Beginn der frühdeutschen Zeit im Jahre 1150/57 hat man also mehrere Jahrzehnte verstreichen lassen, obwohl man wegen der am Niederrhein herrschenden Überbevölkerung dringend neue Siedlungsgebiete suchte [10],
Zunächst schlug man auf dem Teltow Schneisen in die Bewaldung und legte Wege zu den geplanten Siedlungen an. Für die Siedlungsplätze wurden ausreichend große Flächen gerodet, die durch Landwege verbunden waren (s. Anm. 8). Es entstanden Handelswege.
Wie Hansjörg Küster beschreibt, war seit 7000 Jahren ein Siedlungsschema für Ackerbauern üblich [11]: Am Wasser eine Grünfläche für das Vieh und etwas erhöht, im Trockenen, die Siedlung. Daneben die Äcker, auf trocknen Flächen für den Roggen. Dieses Bild passt zu der Siedlung am Krummen Fenn [12].
Am Ende der Trockenperiode – nahezu schlagartig – begann um 1200 die Besiedlung [13] der höher liegenden Gebiete des Teltow: Zehlendorf, Dahlem, Schmargendorf und Wilmersdorf, gefolgt von einem Dutzend weiterer Dörfer, die alle auf ertragreichen Geschiebelehm lagen [14].

Zu den Siedlungen

Die frühdeutschen Siedlungen Slatdorpf am Schlachtensee, dessen Lage unbekannt ist, und Krummensee an der Krummen Lanke [15] befanden sich im Sandbodenbereich, die späteren Siedlungen dagegen auf ertragreicherem Geschiebelehmboden (s. Anm. 14).
In Krummensee musste ein nahe am Wasser liegendes Haus wegen des Wasseranstiegs (um 1220?) aufgegeben werden. Ob es in die höher liegende Siedlung verlegt wurde, ist nicht bekannt. Die Siedlungen Slatdorpf und am „Tränkepfuhl“ [16] wurden wahrscheinlich nach Zehlendorf verlagert.
Das wahrscheinlich jüngere Dorf am Krummen Fenn, genannt Düppel, lag neben dem Fenn auf einem leicht erhöhten, trockenen Geländestück bei etwa 38 mNN [17], wenig über dem Grundwasser (um 35 mNN). Es war eine Insellage mit ertragsreicherem Geschiebelehm im Sandbodenbereich [18]. Auffallend ist, dass die Häuser keine Vorratsgruben als Keller [19] besaßen. Die allgemeine Tendenz, Siedlungen zusammenzufassen, führte zu einer Verlagerung des Dorfes – vermutlich nach Zehlendorf. Nach dem Umzug um 1220 wurden die Ackerflächen trotz des Grundwasseranstiegs [20] auf fast 37 mNN weiterhin genutzt.

Schlussbemerkung

Auffallend ist, dass man zunächst nur am Rande des Teltow in niedrig liegenden grundwasser- und gewässernahen Gebieten siedelte. Erst später, als sich die Niederschlagsmengen nach der genannten Trockenperiode deutlich erhöht hatten, besiedelte man – nahezu spontan – den höher liegenden Teltow. Die alten, niedrig liegenden Siedlungen mussten wegen der gestiegenen Wasserstände aufgegeben oder verlagert werden.
Es entsteht also der Eindruck, dass die Entwicklung auf dem Teltow wesentlich vom Klima gesteuert war. Ein Zusammenhang mit den Mühlenstaus, die erst später im 13. Jh. eingerichtet wurden [22], ist nicht erkennbar.

Anmerkungen

[1] Büntgen, U, et al: European climatevariabillity and human susceptibilityoverthepast 2500 Years, Science, 578.582, 2011
[2] Jäger, Klaus-Dieter: Oscillations of the waterbalance during the Holocene in interior Central Europe, Quaternary International 91, 2002, S. 33-37
[3] Kaiser, Knut: Historische Veränderungen des Wasserhaushalts und der Wassernutzung in Nordostdeutschland, Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt 38, 2012, S. 86
[4] Glaser, Rüdiger: Klimageschichte Mitteleuropas, 2008, S. 61 ff
[5] Herrmann, Joachim: Wasserstand und Siedlung im Spree-Havelgebiet in frühgeschichtlicher Zeit, Ausgrabungen und Funde 4, 1959, S. 91 ff
[6] Küster, Hansjörg: Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa, 2010, S. 195, Arbeit und Umwelt 38, 2012, S. 86
[7] Wie Anm. 3
[8] Herrmann, Joachim: Cölln und Berlin. Bäuerliche Rodungsarbeit und landesherrliche Territorialpolitik im Umfeld der Stadtgründung, Jahrbuch für Geschichte, Bd. 35, 1987, S.23
[9] Fritze, Wolfgang: Die frühe Besiedlung des Bäketals und die Entstehungsgeschichte Berlins, in: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte 36, 1985, S. 11
[10] wie bei der Entvölkerung des nordelbischen Gebiets beim Wendenfeldzug 1147
[11] Wie Anm. 6, S. 80
[12] Brande, Arthur: Mittlealterlich-neuzeitliche Vegetationsentwicklung am Krummen Fenn in Berlin-Zehlendorf, Verhandlungen des Berliner Botanischen Vereins, Band 4, Berlin 1985, S. 6
[13] Vahldiek, Hansjürgen: Berlin und Cölln im Mittelalter, 2011
[14] Hans-Joachim Pachur, Georg Schulz: Geomorphologische Detailkartierung GMK 25, Blatt 13, Nr. 3545, Berlin-Zehlendorf, 1983
[15] Krummensee lag an der Spitze des Knicks, der das östliche Ufer der Krummen Lanke bildet.
[16] Die Siedlung am Tränkepfuhl lag lt. Fundstellenarchiv des Heimatvereins Zehlendorf nahe der Potsdamer Chaussee neben der Bahntrasse oberhalb des Gutes Düppel.
[17] Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: Topographische Karte 1:25 000, Nr. 3545, Berlin-Zehlendorf, 2009
[18] Wie Anm. 14
19 In Berlin und Cölln lagen die Häuser 3,5 m über dem Grundwasser. Daher konnten die Keller mit einer Tiefe bis zu 1,5 m ausgestattet werden.
[20] Wie Anm. 12, Abb. 8
[21] Herrmann, Joachim: Magdeburg-Lebus, Zur Geschichte einer Straße, Schriften für Vor- und Frühgeschichte Potsdam, 1963
[22] Bleile, Ralf: Die Auswirkungen des spätmittelalterlichen Wassermühlenbaus auf die norddeutsche Gewässerlandschaft, in: Greifswalder Mitteilungen Nr. 7, 2005, Hrsg. Günter Mangelsdorf
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Anhang

Mit dem Grabungsbericht [1] vom Grundstück Alt-Köpenick 17-19 beschreibt Michael Malliaris eine archäologische Besonderheit. Nicht nur, dass er dort vier zeitgestaffelt übereinander liegende Stabbohlenhäuser aus der Zeit zwischen 1200 und 1250 nachweisen konnte, sondern dass auch die Reaktion der Menschen auf den Anstieg des Grundwasserspiegels sichtbar wird. Der Verlauf ließ sich insbesondere im Zeitraum um 1215 oder „bald danach“ anhand von Dendrodaten gut nachvollziehen.
In Abb. 1 (Anhang) werden die verschiedenen Höhenlagen der Schwellbalken mit roten Kreuzen markiert. Sie zeigen deutlich, wie man auf den Grundwasseranstieg reagierte und die Lage der vier Stabbohlenhäuser anpaßte.

Abb. 1: Oben: Der vermutliche Verlauf der Köpenicker Wasserstände in Korrespondenz zur Grabung. Die Dauer der Grundwasserwelle, die sich langsam aufbaute, ist unbekannt. Rote Kreuze geben die Höhenlage der Schwellbalken der verschiedenen Bauten in Köpenick an. Der Stau am Mühlendamm erscheint als sprunghaftes Ereignis. Seine signifikanten Pegel liegen als Oberwasser (OP) und Unterwasser (UP) vor.
Unten: Kurve der klimabedingten Niederschlagsmenge (s.Hauptteil Abb.1). Das Ende der Grundwasserwelle (oben rechts) wurde aus der Kurve der Niederschlagsmenge abgeleitet.

So ist beim ersten Haus der Abstand zwischen Grundwasser und Schwellbalken deutlich über 1 m, während man sich beim letzten Haus mit einem wesentlich geringeren Abstand zufrieden gab.
Für die Kurven in Abb. 1 (oben) liegen keine genaueren Daten vor. Der prinzipielle Verlauf wurde aus wenigen Anhaltspunkten entwickelt. Dennoch lässt sich deutlich erkennen, dass der um 1215 erfolgte langsame, über Jahre dauernde Anstieg der Wasserstände nicht auf den Mühlenstau in Berlin, sondern auf eine klimabedingte Grundwasserwelle zurückzuführen ist. Denn ein Stau – wie in Abb.1 (rechts oben) – wäre ein in Stunden zu messendes Ereignis und nicht mit dem langsamen Anstieg um 1215 vergleichbar.
Grundwasserwellen sind nichts Ungewöhnliches [2]. Bei großen Niederschlagsmengen, wie sie in Abb. 1 (unten) nach 1180 zu beobachten sind, werden wasserführende Schichten so stark belastet, dass ein Stau entsteht und sich der Grundwasserpegel erhöht. Wenn die erhöhten Niederschlagsmengen, wie am Ende 13. Jh. , klimabedingt verschwinden, geht der Pegel wieder zurück.

Im ansteigenden Teil der Kurve in Abb. 1 (oben) wird die um 1200 auslaufende Trockenperiode berücksichtigt, in der die einstigen Grundwasserspiegel bis zu 2 m niedriger [3] waren. Der Verlauf um 1215 dürfte eine recht hohe Wahrscheinlichkeit haben, denn hier sind die Beschreibungen des Grabungsberichts besonders dicht.

In Berlin wird der Wasserstand, der dem in Köpenick entsprach, seinen Höchststand von über 32 m ü. NN ebenfalls um 1220 erreicht haben! Diese Situation dürfte während der gesamten Grundwasserwelle vorgeherrscht haben. Erst nachdem sie verebbt war, konnte der Mühlendamm (Abb. 2) mit seiner spezifischen Funktion errichtet werden. Schließlich basierte seine Funktion auf dem Stau [4], der die Konzentration des Wassers auf die Mühlräder ermöglichte. Zusätzlich konnten die Stadtgräben mit dem Oberwaser geflutet werden.

MdHist

Abb. 2: Der Mühlendamm hatte drei Durchbrüche, in die das aufgestaute Wasser, das sogenannte Oberwasser (OP), herabstürzte. Das in den Gerinnen konzentrierte Wasser wurde den im Unterwasser (UP) stehenden Mühlrädern zugeführt.

Anmerkungen im Anhang

[1] Malliaris, Michael: Ausgrabungen in der Altstadt von Berlin-Köpenick, Miscellanea Archaeologica, Festschrift f. Adriaan von Müller zum 70. Geburtstag, 2002, S 113-151
[2] Internetrecherchen, telefonische Fachauskunft beim GFZ
[3] Herrmann, Joachim: Wasserstand und Siedlung im Spree-Havelgebiet in frühgeschichtliche Zeit. Ausgrabungen und Funde 4, 1959, S. 91 ff
[4] Der Stau am Mühlendamm wurde aus einer Pegelbasis von 30,50 m NN (jetzt Unterspree) bis auf einen Wert von 32,20 m NN (jetzt Oberspree) gebracht